27. April 2009
Der demographische Wandel – Zeit zu handeln
Christa Vossschulte, Vizepräsidentin des Landtags Baden-Württemberg, Dr. Carmina Brenner, Präsidentin des Statistischen Landesamtes, Enrico Bertazzoni, Vorsitzender CDU Esslingen
Am Donnerstag, 23. April 2009, empfing die CDU Esslingen Dr. Carmina Brenner, die Präsidentin des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg, zum Auftakt des Kommunalwahlkampfs zu einer Diskussionsveranstaltung mit dem Thema „Der demographische Wandel und seine Auswirkungen auf die Kommunalpolitik“.
Zu Beginn erläuterte Brenner, was der demographische Wandel überhaupt bedeute und welche Auswirkungen sich daraus für die Kommunalpolitik ergäben. Die Kommunalpolitik müsse sich in den kommenden Jahren nicht nur auf eine schrumpfende Bevölkerung, sondern auch auf eine im Durchschnitt immer ältere Bevölkerung einstellen. Bereits seit 30 Jahren fehlten ein Drittel der Geburten, um die Bevölkerungszahl wenigstens auf dem gleichen Stand zu halten. Seit 2000 lebten in Baden-Württemberg mehr ältere als jüngere Menschen. Dabei stehe Baden-Württemberg mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von 43 Jahren noch recht gut da. Außer der niedrigen Geburtenrate, sorge eine stetig steigende Lebenserwartung für eine Überalterung der Bevölkerung. Ein heute neugeborenes Mädchen habe eine durchschnittliche Lebenserwartung von 83 Jahren, ein Junge von 78 Jahren.
Brenner sieht vielfältige Gründe für den Geburtenmangel. Aus ihrer Sicht spielen vor allem Zukunftsoptimismus, Wertewandel, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die finanzielle Situation von Familien, verlässliche Partnerschaften und die gesellschaftliche Akzeptanz berufstätiger Mütter eine Rolle. Gerade letzteres sei ein typisch deutsches Problem. Berufstätige Frauen seien zwar akzeptiert, aber nur solange keine Kinder da seien. Auch die Zuwanderung, die in der Vergangenheit ein Verjüngungsfaktor gewesen sei, sei gesunken.
Laut Brenner sieht sich die Statistik heute in der Lage, aufgrund dieser Bestandsaufnahme, verlässliche Zukunftsprognosen abzugeben. Für Baden-Württemberg prognostiziert das Statistische Landesamt noch bis 2011 einen Bevölkerungszuwachs. 2030 würden 200.000 Menschen weniger in Baden-Württemberg leben und 2050 sei die Bevölkerung bereits um 10 % und damit um mehr als 1 Mio. Menschen gesunken. Zudem werde sich die Altersstruktur der Bevölkerung weiter zulasten der Jüngeren verschieben. Der Anteil der unter 20jährigen sinke von heute 21 % auf nur noch 17 % im Jahr 2030. Dagegen steige der Anteil der über 60jährigen von heute 24 % auf 35 %. Die Erwerbsbevölkerung werde voraussichtlich ab 2020 sinken.
Diese Entwicklung wirke sich natürlich auch auf Esslingen aus. Der Anteil der unter 20jährigen sinke in Esslingen von heute bis 2030 voraussichtlich von 26 % auf 18 % und bleibe damit länger auf etwas stabilerem Niveau als im Landesvergleich. Bis 2010 sei in Esslingen noch mit einer wachsenden Zahl der Kindergartenkinder zu rechnen. Danach mit einem Rückgang. Spätestens ab dem Schuljahr 2011/2012 würden die Schülerzahlen in allen Schularten sinken. Der Anteil pflegebedürftiger Menschen werde von heute bis 2030 voraussichtlich um 54 % steigen. Der Wohnungsbedarf sei bereits 2008 gesunken und werde weiter zurück gehen. Dies habe auch Auswirkungen auf die Bauwirtschaft, die sich künftig weniger auf Neubauten, sondern mehr auf Altbausanierung konzentrieren müsse.
Eine Patentlösung sieht die Präsidentin des Statistischen Landesamtes nicht. Genauso vielfältig, wie die Ursachen des demographischen Wandels seien, müssten auch die Lösungsansätze sein. Die Geburtenrate sei nur schwierig zu beeinflussen. Allein billiges Bauland auszuweisen sei auch nicht hilfreich, wenn sich alle Kommunen in einen Verdrängungswettbewerb um die billigsten Bauplätze begeben. Hinsichtlich der Ergebnisse der PISA-Studie sieht Brenner noch erheblichen Verbesserungsbedarf bei der Förderung von Kindern aus Migrantenfamilien. Die Gesellschaft und insbesondere die Wirtschaft, die auf hochqualifizierte Arbeitskräfte angewiesen sei, könnten es sich nicht leisten, junge Menschen am Wegesrand zurück zu lassen. Die Erwerbstätigenquote von Frauen ließe sich noch steigern. Von zentraler Bedeutung sei aber, dass sich eine familienfreundliche Unternehmenspolitik entwickle. Die Firmen, die nicht ausbilden würden dies merklich zu spüren bekommen, da Unternehmen in Zukunft alles daran setzen würden, ihre Auszubildenen an sich zu binden, um so ihre Nachfrage an Arbeitnehmern zu decken. Ältere Arbeitnehmer müssten sich stetig weiter qualifizieren, da sie künftig das gros in den Unternehmen stellen würden. Im Wettbewerb um die hochqualifizierten Arbeitskräfte von morgen seien dies unabdingbare Faktoren, um diese für sich zu gewinnen. Zudem müsste die Wirtschaft ihre Produkte weiter einer veränderten Nachfrage einer immer älter werdenden Bevölkerung anpassen.
Abschließend stellt Brenner fest, dass der demographischer Wandel ein langwieriger Prozess sei, was die Gefahr berge, dass die Probleme vor sich hergeschoben würden. Für Brenner ist die Zeit des Abwartens vorbei. Die Kommunalpolitiker müssten bereits jetzt die richtigen Weichen stellen, um eine sanfte Anpassung der Gesellschaft zu ermöglichen und damit ihre Kommunen im Wettbewerb um junge Menschen mithalten könnten. Enrico Bertazzoni, Vorsitzender des CDU-Stadtverbands Esslingen, bedankte sich bei Dr. Carmina Brenner für den spannenden und aufschlussreichen Vortrag. Er bedankte sich zudem bei Christa Vossschulte, Vizepräsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, auf deren Initiative die Veranstaltung möglich wurde.
Im Anschluss an den Vortrag ließen die Anwesenden den Abend noch gemütlich ausklingen und diskutierten die Zahlen und Anregungen von Brenner. Unter den Anwesenden wurde besonders diskutiert, inwieweit sich die Infrastruktur in den Gemeinden den veränderten Gegebenheiten anpassen müsse. Neue Einrichtungen müssten auf ihre Verträglichkeit mit demographischen Faktoren überprüft werden. Kindergärten und Schulen könnten beispielsweise nicht mehr allein auf eine Nutzung festgelegt werden, sondern müssten multifunktional nutzbar sein.